Der Evolutionismus und seine Nachfolge-Theorien
Die Theorie einer 'gerichteten Evolution' - biologisch oder kulturell - von höheren Mächten vorprogrammiert auf ein bestimmtes Ziel hin, ist reine Suggestion ...
Andererseits verfolgen Organismen, Einzelmenschen oder Kulturen durchaus konkrete Ziele, um zu überleben; demzufolge wäre "klar, dass eine Erfindung zur nächsten führte" [Darlington 1971, Teil I].
Trotzdem gibt es kulturelle Fehlentwicklungen so wie es biologische Fehlentwicklungen gab, wenn die verfügbaren Mittel nicht genügten oder wenn sich die Ausgangsbedingungen grundsätzlich wandelten.
Die Einteilung der Vor- und Frühgeschichte wurde durch skandinavische Archäologen erarbeitet. Das ‘Dreiperiodensystem’ von Stein-, Bronze- und Eisenzeit wurde Ende der 1920er Jahre von Gordon Childe allgemein für die archäologische Chronologie adaptiert [Benz 2000].
Offenbar sollte es auch als Modell für eine optionale Fortentwicklung kultureller Errungenschaften dienen, während manche menschliche Populationen die Lebensweise magdalenischer Jäger beibehielten.
Ich glaube, dieses unzulängliche Schema hatte nur deshalb so großen Einfluss, weil es an die griechische Überlieferung vom Goldenen, Silbernen, Bronzenen und Eisernen Zeitalter erinnerte ...
Schon im 19. Jh. hatte Lewis H. Morgan in "Die Urgesellschaft" ("Ancient Society" von 1877) ein evolutionistisches Modell von der gesetzmäßigen Abfolge der Kulturgeschichte von Wildheit über Barbarei zur Zivilisation benutzt, das ähnliche Unterscheidungsmerkmale wie Gordon Childe anwandte, nämlich beispielsweise Jagdwaffen und Eisengebrauch, sich aber überwiegend mit den Verwandtschaftsverhältnissen befasste.
Morgan fand vielleicht keine bleibende Anerkennung, weil seine Theorie von Marx und Engels aufgegriffen wurde, die damit aber dem Zeitgeist der Wissenschaft entsprachen und sich diesem nicht etwa entgegen stellten. Selbst in der Sowjetunion sei man von dieser vom Frühmarxismus übernommenen Doktrin des Evolutionismus wieder abgerückt [Nachtigall 1972].
Von einiger Bedeutung ist, dass Morgans Stufenmodell eigentlich völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurde, da es nur der Illustration einer sehr weitschweifig vorgetragenen Beschreibung der Verwandtschaftsbeziehungen verschiedener Kulturstufen und Völker diente.
Lewis H. Morgan hat die folgenden materiellen Ausstattungen als Indikatoren menschlicher Entwicklung nicht anders als grobe Skizze definiert:
A-1. Unterste Stufe der Wildheit: Pflanzensammeln
A-2. Mittlere Stufe der Wildheit: Feuernutzung (und Fischfang)
A-3. Oberste Stufe der Wildheit: Jagd ('Pfeil und Bogen')
B-1. Untere Stufe der Barbarei: Töpferei; vielleicht könnte man hier auch die Anfänge der Architektur einordnen
B-2. Mittlere Stufe der Barbarei: Domestikation von Pflanzen und Tieren und Bewässerungsanbau
B-3. Oberste Stufe der Barbarei: Metallverarbeitung
C. Zivilisation: Gebrauch der Schrift
[Haller 2005]
Dabei fällt natürlich ins Auge, dass der Gebrauch der Schrift die früheren Errungenschaften nicht ersetzen kann, dass somit die gesamte Zivilisation, die sich heute fast nur noch als Informationstechnologie darstellt, eigentlich überflüssig wäre.
Die frühmarxistische Völkerkunde beschränkte sich auf Friedrich Engels' Spätwerk "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" von 1884, das die Abhandlung über die Verwandtschaftsverhältnisse von Lewis H. Morgan rezipierte. Auch Karl Marx studierte Morgan gründlich.
Das von Friedrich Engels erarbeitete einfache Modell gesellschaftlicher Evolution hat immer noch seine Reize.
An die Urhorde des Älteren Paläolithikums schließt sich die Gentilgesellschaft auf Grundlage des Mutterrechts an - nach Engels ein Idealzustand, in welchem die Entscheidungen von denen getroffen werden, "die es angeht". [Nachtigall 1972]
Doch schon hier gibt es ein gehöriges Konfliktpotential in Form der "Gerontokratie (Ältestenrat) als demokratische Dorfverfassung".
Mit der Viehzucht und der Metallverarbeitung entwickelten sich Patriarchat, Privateigentum und Sklaverei; Krieg diente der Beschaffung von Sklaven.
Der Idealzustand der gentilen Gesellschaft wäre wieder durch Abschaffung der patriarchalischen Klassengesellschaft zu erreichen.
Darin will Horst Nachtigall einen zyklischen Erlösungsglauben erkennen. [Nachtigall 1972]
Zu denken bei diesem Streit gibt, dass es eigentlich unstreitig ist, dass der Zustand des Wildbeutertums den größten Teil der menschlichen Entwicklungsgeschichte ausmachte. Die zeitgenössische kapitalistische Gesellschaftstheorie gefällt sich jedoch darin, die Existenz der Phasen matrilokaler Konstitution gänzlich in Abrede zu stellen. Dabei könnten die Wildbeutergesellschaften durch Abdrängung und Rückzug in kulturelle und ökologische Marginalräume auch in ihrem eigenen Kulturinventar verarmt sein.
Neben der materiellen Ausstattung bestimmten auch Ideen und Verhaltenskonventionen die verschiedenen Kulturen und Entwicklungsstufen. Da sie sich oft der Schrift bedienten, könnte man sie überwiegend als einen Aspekt der Zivilisation interpretieren.
Auch für solche Weltbilder wurden Stufen der Entwicklung abgeleitet, insbesondere
1. die “Dreistadientheorie” von Auguste Comte, nämlich die Aufeinanderfolge von Theologie - Metaphysik - Wissenschaft in Europa, und
2. die “Archäologie des Wissens” von Michel Foucault.
Auf Grund der ideengeschichtlichen Vorstellungen des ‘Evolutionismus’ wurde behauptet, dass der "Weg zur europäischen Kultur (des 19. Jahrhunderts) ... notwendig und unausweichlich" [Nachtigall 1972] gewesen sei, obwohl er doch durch eine Reihe spezifischer Faktoren bestimmt wurde, insbesondere durch die erstaunliche Neigung der Westeuropäer zur Hochseeschifffahrt.
Der Glaube an einen ‘Evolutionismus’ führte vor allem zu der Leitideologie, soziale (altruistische) Verhaltensmuster müssten “eingeschränkt werden, damit sich die produzierende Wirtschaftsweise durchsetzen kann” [Benz 2000, Vorwort], also das marktorientierte System industrieller Massenproduktion.
Überhaupt wurde zu einem zentralen Aspekt öffentlicher Debatte, welche Gesellschaftsform der Entwicklung der Menschheit oder einzelnen Kultur am besten entsprechen würde. Dabei ist seit früher geschichtlicher Zeit an ziemlich rigorosen Zwangsinstitutionen gewerkelt worden, von der Gewaltherrschaft über den Gottesstaat und die Gelddiktatur bis zur Ford'schen Autofabrik.
Ein wichtiger soziologischer Aspekt scheint dabei das Risiko und der Reiz des Krieges zu sein. Es geht dabei um den Zugriff auf Ressourcen.
Stammeskulturen organisierten sich in so etwas wie Militärdemokratien, während komplexe Gesellschaften oft Autokratien und Militärdiktaturen anstrebten.
Diffusionismus
Anthropologie und Ethnologie erforschten verschiedenartige menschliche Lebensweisen und Erfahrungen.
Demgegenüber wäre die evolutionistische Globalisierung nur einer Zivilisation und damit nur einer Lebensweise "eine pathologische Erscheinung" [Ritter 2008] (.. und eben keine Universalisierung wissenschaftlicher Erkenntnis)!
Trotzdem sollte das Modell einer Diffusion guter Ideen und Erfindungen ausgehend von kulturellen bzw. wirtschaftlichen Zentren nicht in Bausch und Bogen verdammt werden.
Die Theorien des 'strikten (oder parallelen)' und des 'diffusionistischen Evolutionismus' schließen einander nicht aus, denn einerseits sind von den regionalen Bedingungen abgeleitete Optimierungen und Entwicklungen wahrscheinlich, andererseits auch ein kultureller Transfer solcher Errungenschaften. Einem bloßen Mechanismus automatischer Diffusion müsste dagegen ein sehr begrenztes Innovationsvermögen und eine sehr beschränkte Phantasie der anderen Teile der Menschheit zugrundeliegen. [Haller 2005, Kap. "Theorien"]
Die Theorie des Diffusionismus wird auf Anthropogeografen wie Friedrich Ratzel zurückgeführt. 'Geografische Provinzen' nach Adolf Bastians beeinflussten das Konzept der 'Kulturkreise' nach Leo Frobenius [Haller 2005, Kap. "Theorien"].
Auch die ‘Kulturhistorische Völkerkunde’ nach Fritz Graebner und dem Pater Wilhelm Schmidt betrachtete 'Kulturkreise' unter dem Gesichtspunkt von möglichen Kulturtransfers [Nachtigall 1972].
Franz Boas gilt als Begründer der 'Cultural Anthropology' mit den beiden Grundsätzen:
1. 'Historischer Partikularismus': Jede Kultur ist das "Ergebnis einer eigenständigen historischen Entwicklung".
2. 'Kulturrelativismus': Es erfolgt eine wechselseitige Beeinflussung der Kulturen statt einer einseitigen kulturellen Expansion nach der Theorie des Diffusionismus.
[Haller 2005, Kap. "Theorien"]
Eine gewisse Distanz zum Kulturrelativismus habe die von J.H. Steward (1902 - 72) entwickelte Kulturökologie reklamiert [Haller 2005, Kap. "Theorien"].
Die Schlussfolgerung muss also lauten: eine Gesetzmäßigkeit kultureller Evolution, also der Evolutionismus wird sowohl durch den Fall fremder ‘Ein-Wirkung’ widerlegt als auch durch den Fall ökologischer ‘Ein-Grenzung’ von Kulturen und Völkern.
Funktionalismus
Das “marxistische Primat der Wirtschaftsweise” [Benz 2000] durchzieht alle Kulturgeschichtsforschung, die ja Subsistenz- oder Wirtschaftsformen, sowie Kenntnisse und Fertigkeiten als Faktoren kultureller Entwicklung und Identität betrachtet.
Zwar wurde schon lange vor Erfindung des Pflanzenbaus und lange vor der Menschheitsgeschichte gewirtschaftet, doch bleibt die Notwendigkeit dazu auch aktuell ein allgegenwärtiger Faktor.
Die notwendigen Anpassungen an die vorhandenen Ressourcen können bei ihrer Interpretation zu evolutionistischen Tendenzen führen. L.A. White versuchte dieses Subsistenzprinzip auf die "kulturelle Anpassung" der gesamten Menschheit anzuwenden [Haller 2005, Kap. "Theorien"], wobei er auch den Energiebedarf verschiedener Kulturstufen berücksichtigte.
Der Funktionalismus nach B. Malinowski und A.R. Radcliffe-Brown, weitergeführt durch E.E. Evans-Pritchard und Lucy Mair, wollte den aktuellen Wert spezifischer Lebensweisen analysieren [Nachtigall 1972].
Kulturelle Einrichtungen sollen nach ihrer Bedeutung für die Gesellschaft und nicht nach ihrer Entwicklungsstufe beurteilt werden.
Denn möglicherweise lassen sich dieselben auch auf bloße historische Ereignisse (insbes. Kulturkontakte) oder Persönlichkeiten zurückführen, ohne eine positive gesellschaftliche Funktion auszuüben.
Funktionalismus wäre die Betrachtung einer Kulturform nach dem naturwissenschaftlichen Prinzip der Suche nach Ursache und Wirkung. Kultur wäre dann ein Körper mit Organen, deren Funktionieren lebensnotwendig ist. [Haller 2005, Kap. "Theorien"]
Nach Bronislaw Malinowski sind es letztendlich die Bedürfnisse der Einzelinidividuen, die entscheidend für die Entwicklung von kulturellen Institutionen und Prozessen sind.
Nach der Koch-Theorie von Richard Wrangham beruhte der evolutionäre Fortschritt der Menschheit hauptsächlich und schon in einer frühen Phase ihrer Entwicklung auf der Kunst, durch Kochen mehr Energie aus potentiellen Nahrungsstoffen zu gewinnen.
Schon von den Frühmenschen wurden die Produkte der Natur am Feuer gegart.
Inzwischen sind aber vielerorts die Energiequellen zur Neige gegangen, mit denen Feuer erzeugt wird, also das Feuerholz.
Dass Menschen "Produkte ihrer eigenen Werkzeuge" seien, wurde als ihre herausragende Eigenschaft im Vergleich zu anderen Lebewesen dargestellt [Kingdon 1997, Einführung].
Andererseits sind solche Werkzeuge schon den primitivsten Lebewesen eigentümlich, wenn beispielsweise einzellige Meeresbewohner sich mit Schutzpanzern aus Kalk oder Silikat umgeben.
Die Errichtung dauerhafter Häuser als Schutz gegen Sonne, Kälte und Regen, also die Architektur, war vielleicht der wichtigste Aspekt bei der Entstehung menschlicher Kulturen.
Genauso sind Architektur und Infrastruktur in der Moderne wichtigstes Mittel und Ziel der Transformation der Umwelt geworden. Die Frage ist nur, ob die Umwelt längerfristig ausreichend Ressourcen für diese Zwecke bereitstellen kann.
Das Ziel dieser beiden Hauptfaktoren der Transformation, Garen von Nahrung und Behausung, ist, den individuellen physiologischen Energieaufwand des Menschen zu reduzieren.
Der ‘Evolutionismus’ habe die Forschung bis in die 60er Jahre “stark beeinflusst”; in seinem Sinne wurde die vorgeblich ‘produzierende Wirtschaftsweise’ der Industriegesellschaften als grundsätzlich erstrebenswert angesehen [Benz 2000].
Gegenentwürfe zu diesem Kulturkonzept wurden erst seit Marshall D. Sahlins publiziert. Die “New Archaeology” bevorzugte Hypothesen und funktionalistische Modelle statt deterministischer Nachweise einer vorbestimmten Entwicklungs- und Fortschrittslinie.
Erst infolge der Entwicklung zahlreicher Methoden der Güterbeschaffung und -produktion konnte Großkapitalismus entstehen. Wenn diese Techniken wenigstens teilweise kulturell und gesellschaftlich zweckdienlich waren, dann könnte das auch für den Kapitalismus gelten.
Man muss jedoch der Gesellschaft, also dem Kommunismus im ursprünglichen Wortsinne, einen mindestens gleichwertigen Rang gegenüber dem Kapitalismus einräumen: denn gesellschaftliche Zwecke haben mindestens ebenso viele zweckdienliche Techniken hervorgebracht wie der Kapitalismus.
Strukturalismus
Der auf aktuelle Probleme bezogene Funktionalismus scheint in einem gewissen Konflikt zum Strukturalismus nach Claude Lévi-Strauss zu stehen.
Dessen Arbeitsweise konnte als eine Verbindung psychoanalytischer und sozialökonomischer (marxistischer) Interpretation menschlicher Gesellschaften verstanden werden [Ritter 2008].
In seinem Frühwerk "Elementarformen der Verwandtschaft" wird von Lévi-Strauss das Inzesttabu erklärt. Es habe keine biologischen Gründe, sondern die Heirat diene soziologischen Zwecken, ursprünglich vor allem der Allianz zwischen menschlichen Gruppen bzw. genealogischen Linien. [Kohl 2008]
In dieser Interpretation wäre der Ehestand eine Institution des Friedens. In unserer Zivilisation sollen Kriege daher bevorzugt auf dem Rücken der ehelosen Jahrgänge geführt werden und in den Stammeskulturen am Pazifischen Ozean war die Schädigung des Feindes durch Kopfjagden Voraussetzung des Ehestandes.
Andererseits soll der Ehestand nach patriarchalisch-kapitalistischem Verständnis zur Akkumulation von Nachkommen führen und ist daher eine Institution des Krieges. Damit deckt sich auch die Allianz-Theorie.
Nach Claude Lévi-Strauss ist die kulturelle Struktur oder ihr Beziehungsgeflecht als Ganzes nicht erfassbar, sondern nur über einzelne Elemente. Die letzteren werden dennoch auf das einfachste strukturelle Modell bezogen und auf den strukturellen Zusammenhang überprüft. [Haller 2005, Kap. "Theorien"]
Der Strukturalismus will die Konzepte der verschiedenen Kulturen auf elementare, "zu allen Zeiten gleiche" Strukturen zurückführen [Nachtigall 1972].
Der Strukturalismus wird hier sogar als "Ideologie der Auslöschung des Individualismus" kritisiert, indem alle Völker und kulturellen Entwicklungen auf wenige intellektuelle Grundprinzipen reduziert würden [Nachtigall 1972]. Dabei habe die Völkerkunde gerade das Spezifische herausgearbeitet, das nicht nur ethnische, sondern auch individuelle Eigenständigkeit ermögliche.
Oft habe Lévi-Strauss geistige Konzepte aus Gegensatzpaaren abgeleitet.
-> zur Fortsetzung