Technologie als eigentlicher Transformationsfaktor
Der Begriff Transformation wird von mir auf diejenigen kulturellen Aspekte angewendet, die eine Antithese zur Natur bilden.
Ich schließe mich jedoch nicht der überkommenen Vorstellung an, dass Kultur grundsätzlich jede Natur ausschließe.
Nach Leo Frobenius (1873 - 1938) ist Kultur selbst ein Organismus mit einer 'Kulturseele' und einer 'Kulturmorphologie', die als "Form der Selbststilisierung ('Peideuma')" existieren, und die "primär der Ausdruck des Erschreckens des Menschen an seinem eigenen Dasein" seien [Haller 2005, Kap. "Theorien"].
Kulturmaterialismus will nach Marvin Harris (1927 - 2001) andererseits soziale und kulturelle Systeme durch "systemerhaltende" Verhaltensmuster und ökonomische Interessen erklären [Haller 2005, Kap. "Theorien"]. Als ein Beispiel solcher kulturellen Muster wird auch die räuberische Expansion erwähnt.
Kulturelle Erscheinungen dürften bestimmte Funktionen haben, die wenigstens bei ihrem Ursprung eine Rolle spielten. Diese Funktionen müssen sich außerdem in sehr vielen Fällen auf die Vorbedingungen der Natur bezogen haben.
Mit der Zeit konnten sich diese kulturellen Zwecke aber zu einer undurchsichtigen, immanenten Struktur entwickeln.
Die klassischen Kulturtheorien setzten Kultur auf jeden Fall als positive oder wenigstens wirksame Kraft voraus. Eine wissenschaftliche Betrachtung wird die Wirkungsfaktoren und kulturellen Bedingungen der Welt aber auf ganz andere Kräfte zurückführen.
Als entscheidende Kraft bei der Frage des Ursprungs verschiedener Kulturerscheinungen dürfte die Art der Subsistenz zu identifizieren sein. Außer bei den Ressourcen des Meeres bezieht sich die Subsistenz immer auf die Pflanzenwelt und den pfleglichen Umgang mit ihr, also auf eine Pflanzenkultur.
Auch der Mensch selbst wird durch das von ihm mitgestaltete Umfeld geprägt.
Wenn es nur um seine körperliche Beschaffenheit geht, redet man von Kondition, wenn man aber auch das soziologische und ökologische Umfeld mit einbezieht, handelt es sich um seine Konstitution.
Die Transformation der Natur durch den Menschen in rasender Geschwindigkeit ist eine schlimme Sache und möglicherweise tödlich auch für die menschliche Species selbst. Wenn man darüberhinaus die Transformation des Menschen selbst betrachtet, und zwar die seiner Natur ebenso wie die seiner Kultur, dann gelangt man leicht zu dem Urteil, dass die meisten Aspekte und Akteure der Transformation extrem schädlich und bösartig sind. Es kann sich bei ihnen um Kräfte der Natur und um Kräfte der Kultur handeln.
Ich möchte hier aber herausstellen, dass nicht Kultur der eigentliche Faktor der Transformation ist, sondern Technologie.
Denn menschliche Technik wurde hauptsächlich zum Zwecke der Ausbeutung von Naturressourcen entwickelt. Dazu ist nicht nur die erwähnte Gewinnung physiologischer Energie zu rechnen.
Jonathan Kingdon fordert daher die Kontrolle der Techniker. "Unter allen Bedingungen" müsse man die "Technik den Gesetzen des organischen Lebens und den ökologischen Prinzipien unterordnen". [Kingdon 1997, Einführung]
Auch die Technologie ist in jedem Fall den Naturgesetzen unterworfen, noch unmittelbarer aber den von ihr in immer extremerem Ausmaß benötigten und zumeist nur sehr begrenzt vorhandenen Ressourcen.
Immer wieder hat sich der zivilisierte Mensch abhängig von Techniken und Technologien gemacht, die nur eine geringe Nutzungssdauer besitzen und auf Grund dessen nicht den geringsten Fortschritt gegenüber der begrenzten Nutzungsdauer natürlicher Ressourcen darstellen.
Sehr große Teile der technologischen Infrastruktur sind eigentlich funktionslos, insbesondere Verkehrsmittel, mit denen enorme Strecken zurückgelegt werden, die vollkommen sinnlos sind, und das Privatauto, das die meiste Zeit nicht genutzt wird.
Mit der Zeit sind Techniken und Technologien mehr noch als die Klima-, Umwelt- und gesellschaftliche Bedingungen zu den entscheidenden Faktoren der Transformation geworden.
Die These lautet, dass gesellschaftliche Transformationen durch Annahme und Anwendung neuer Verhaltensweisen und Techniken erfolgen. Das bildet auch die Grundlage des Mythos von den gesellschaftlichen Entwicklungsstufen.
Die als Fortschritt gepriesenen Transformationen, besonders die technologischen, gehen eigentlich auf relativ kleine Segmente der menschlichen Gesellschaft zurück, können aber die Kondition des Menschen, sowie Umweltmedien und gesellschaftliche Bedingungen sehr negativ beeinflussen.
Beispielsweise muss man die Überlegung anstellen, dass bereits die poststeinzeitlichen Errungenschaften der Metallurgie wegen ihres immensen Holzverbrauchs den Keim der heutigen Umweltzerstörung bildeten und gleichzeitig den Keim permanenten Krieges.
In Hinsicht auf schädliche Transformationen ist bei der Energiegewinnung als einem Hauptzweck von Technologien zu beachten, dass sie die Umwandlung vorhandener Ressourcen in Entropie praktisch als physikalisches Gesetz bewirkt.
Auch die mit so großen Hoffnungen verbundene technologische Transformation der menschlichen Subsistenzgrundlagen ist schon jetzt so vollständig und destruktiv erfolgt, dass die erzeugten Produkte eher entropischer Art sind und folglich die Gesundheit schädigen.
Allgemein kann man zwar sagen, dass die ständige Fortentwicklung von Verhaltensweisen und Techniken vorläufig und zum Teil humanitären Nutzen mit sich gebracht haben, oft sogar ein Überleben erst möglich machen. Doch von einem gewissen Punkt an können diese gesellschaftlichen Konventionen und Techniken so komplex werden, dass sie unangemessenen zusätzlichen Aufwand und Schaden verursachen.
Die Technologieabhängigkeit ist dort am größten, wo es keine Vegetation und Pflanzenkultur (mehr) gibt, also beispielsweise in den Wüstenregionen Arabiens, bei extremer Urbanität und sogar in der agrarindustriellen Produktion. Von dort aus könnte sich der Technologiebedarf zu solchen Ausmaßen steigern, dass er nicht mehr gedeckt werden kann.
Die völlige Transformation der natürlichen Umwelt zu einer Technologie führt zu technischen Nahrungsmitteln. Diese verlangen eine konditionelle Anpassung der menschlichen Gesundheit.
Schon in der Vorgeschichte war eine Veränderung der menschlichen Anatomie als "Folge neuer Technologien und der dazugehörenden Verhaltensänderungen" wahrscheinlich [Kingdon 1997, Kap. 3].
Die notwenigen körperlichen Anpassungen, die in der Astronautik erforderlich wären, in die zur Zeit sehr viel Geld investiert wird, sind jedoch bei Langzeitflügen in ferne Galaxien so tiefgreifend, dass sie die Potentiale unserer Art sprengen würden. Die Flucht in interstellare Parallelwelten ist der menschlichen Spezies nicht möglich.
Quellenangaben
C.D. Darlington: Die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft. Düsseldorf/ Wien, 1971.
- Teil I: Die Grundlagen
Horst Nachtigall: Völkerkunde von Herodot bis Che Guevara - Naturvölker werden Entwicklungsvölker. Stuttgart, 1972.
Jonathan Kingdon: Und der Mensch schuf sich selbst - das Wagnis der menschlichen Evolution. Frankfurt a.M./ Leipzig, 1997.
Marion Benz: Die Neolithisierung im Vorderen Orient - Theorien, archäologische Daten und ein ethnologisches Modell. Berlin, 2000.
Dieter Haller: dtv-Atlas Ethnologie. München, 2005.
Henning Ritter in: FAZ, am 22.11.2008.
Karl-Heinz Kohl in: FAZ, am 27.11.2008.
Wikipedia-Artikel "Transformation (Archäologie)", Stand: 21. Februar 2025.