Kulturen
Mit dem Hinweis auf die von Wühlmäusen oder Elefanten in ihrem Habitat verursachten Schäden kann man statuieren, dass nicht allein der Mensch zur Transformation der natürlichen Umwelt in der Lage ist.
Tiere, besonders in Herden oder Kolonien, verursachen große Umweltveränderungen oder -zerstörungen, ohne dass sie dazu besondere technische Erfindungen entwickelt hätten [Kingdon 1997, Einführung].
Obwohl die Stoßzähne der Elefanten u.ä. natürlich analoge biotechnische Entwicklungen darstellen ...
Die leistungsfähigsten Akteure der Transformation von Ökosystemen waren in jedem Fall die Pflanzen wie vor ihnen schon die ebenfalls Photosynthese betreibenden Cyanobakterien, ohne dass sie irgendeine anorganische Technik eingesetzt hätten.
So wie biotechnische Fähigkeiten oder anorganische Technologien als Instrumente organismischer Akteure lokale oder großräumige Transformationen hervorrufen können, können die regionalen Gegebenheiten diese Akteure beeinflussen oder Kulturen hervorrufen.
Schon Primaten und andere Lebewesen besitzen Kulturen innerhalb einer Art, die den jeweiligen Reaktionen auf lokale Umweltbedingungen entsprechen: die Makaken auf einer Felseninsel ohne Baumwuchs wurden zu "Krabbenfressern".
Regionale Ressourcen können also zur Herausbildung besonderer Kulturen führen, wobei eine Art Transformation der Eigenschaften und Gewohnheiten einer Population hervorgerufen wird.
Auch die Umwandlung der eigenen spezifischen Konstitution der verschiedenen menschlichen Kulturen muss als Transformation verstanden werden, die nicht immer in voller Kenntnis der Folgen, aber mit Bewusstsein erfolgt.
Gesellschaftlich erzwungene Transformationen sind ungleich mehr als die passiven Übergangsprozesse der Evolution mit dem hohen Risiko irreversibler Degradationen verbunden.
Auch sie unterliegen wie die Evolution dem Dollo-Effekt. Einmal verlorengegangene Eigenschaften der menschlichen Umwelt und Kondition können nicht regeneriert werden.
Die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen reichen offenbar nur für starke Eingriffe in den Evolutionsprozess aus, aber nicht für die Abschätzung ihrer längerfristigen Folgen. Daher ist die Erhaltung spezifischer Naturräume und individueller Lebensentwürfe als Rückzugsgebiete biologischer Variabilität und Regenerationsfähigkeit so wichtig.
Die Frage des Ursprungs
Vielleicht ist die Berücksichtigung der Umwelt bzw. ihrer Ressourcen, wenn man auch die menschengemachte Umwelt miteinbezieht, die beste Methode, um historische Entwicklungen zu erklären. Ebenso beziehen sich ja zeitgenössische Narrative fast immer auf "wirtschaftliche" Ursachen, deren Zusammenhang mit der Umwelt aber ausgeklammert wird.
Zum Gegenstand der Geschichtsschreibung wurden eher die Entwicklungen der Technologien, die die Menschheit von der Natur unabhängig machen sollten, als der Zustand der Natur, deren Vernichtung häufig geradezu als wünschenswert dargestellt wurde.
Gesellschaftliche und damit auch kulturelle Transformationen infolge ökologischer Bedingungen, insbesondere Klimaveränderungen, werden in der Archäologie als reale Faktoren anerkannt [Wikipedia 2025]. Im zeitgeschichtlichen und politischen Zusammenhang wird die Realität dieses Einflusses geleugnet.
Die Analyse der Fundlage wurde in der Archäologie zu Theorien über darausfolgende Transformationen genutzt; eine ähnliche Analyse der Umweltbedingungen sollte auch in der Politik zur Prognose eingesetzt werden.
Andererseits kann eine solche, auch bei allen alltäglichen Dingen notwendige Prozessanalyse durch die Dogmatik evolutionistischer Leitbilder verkehrt werden, indem das gewünschte Ziel mit dem Prozess gleichgesetzt wird.
Horst Nachtigall hielt das Aufsuchen der Naturvölker, um "bei ihnen den ursprünglichen Sinn von Kulturerscheinungen zu erkennen", für die Aufgabe der Völkerkunde [Nachtigall 1972]. Ihm ginge es demnach eher um Ursprünge. Für diese Wissenschaft wäre nur die Bezeichnung Ursprungs- oder Stammeskunde (Originologie) zutreffend. Die Menschheit ist aber nicht unbedingt aus einem bestimmten Keim entstanden, sondern setzt sich aus verschiedenen Populationen und Entwicklungslinien zusammen.
Andererseits ist bei Prozessanalysen der regelmäßige Vergleich mit dem Ausgangszustand wichtig.
Wenn man immer wieder sehr subjektiven oder willkürlichen Wertungen begegnet, was einfach (primitiv) oder komplex und hochentwickelt (progressiv) sei, dann kann es sich dabei um alte oder junge Entwicklungen handeln.
Ihre Bewertung nur auf Grundlage des Alters ist ein nur scheinbar neutraler Standpunkt; gerade die modernsten Errungenschaften befinden sich ja noch im Zustand der Primitivität.
Fälschlich als Stufen der Primitivität angesehene Wirtschaftsweisen (Wildbeuter, Bauer, Viehhalter) haben im praktischen Leben bis in die Gegenwart einen hohen Nutzen.
Dennoch wurde den Naturvölkern das Aussterben vorausgesagt außer denjenigen, die bereit seien, die Funktion einer Touristen-Attraktion anzunehmen [Nachtigall 1972]. Doch das muss eine sehr primitive Sorte von Touristen sein ...
Es war offenbar Gordon Childe, der die archäologische Suche nach den Anfängen der Pflanzenkultur und nach den “natürlichen Gegebenheiten” jener Epochen angeregt hat [Benz 2000].
Irgendwann wurden die Naturprodukte knapp, die als Nahrungsgrundlage dienten, so dass sie aus der Produktivität von Pflanzenkulturen gewonnen werden mussten.
“Mit seiner ‘neolithischen Revolution’ projizierte Childes .. einen historischen Prozess, die industrielle Revolution, in die Urgeschichte.” [Benz 2000]
Die Übernahme technischer Errungenschaften, also des sogenannten Ackerbaus, soll einen radikalen und globalen Umschwung herbeigeführt haben und mit diesem den Anfang der Geschichte. Childe unterschied aber nicht ausreichend zwischen den regional sehr verschiedenartigen Formen des Nomadismus und der Pflanzennutzung, die am Beginn der Kulturen standen.
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